Von Lars Lenssen

„Mein Mann Willi macht so gerne Camping“, sagt Anni Schmitz und lacht. Man merkt der 70-Jährigen an, dass Camping nicht ganz ihr Ding ist. „Es ist mir eigentlich etwas langweilig. Aber meinem Mann zu Liebe mache ich natürlich mit, auch wenn ich manchmal denke, dass ich meine Zeit anders verwenden müsste.“

Zeit ist das, wovon die sportliche Rentnerin zu wenig hat. „Leider“, wie Anni Schmitz bedauert, die seit 30 Jahren die 1. Vorsitzende des Elberfelder Turnerbunds (ETB) ist.

Am kommenden Wochenende feiert der Nordstadtverein im großen Saal im Haus der Jugend an der Bergstraße sein 125-jähriges Jubiläum. Da gibt es noch Einiges zu organisieren und die Anzahl ihrer Mitstreiter hält sich in überschaubaren Grenzen. „Das Umfeld für Sportvereine ist heutzutage nicht rosig“, so Anni Schmitz, denn Entgelte für die Hallennutzung oder der Wegfall der Übungsleiterpauschalen machten auch dem ETB schwer zu schaffen. Ihre wichtigsten Verbündeten sind Kassierer Frederico Bertinelli und Schriftführer Uwe Palettka. „Ich wüsste nicht, was ich ohne die beiden machen sollte. Besonders Frederico, der sich  in alle Sachen hineinkniet, die mit Steuerdingen und dem Finanzamt zu tun haben, ist unverzichtbar“, sagt die Vorsitzende, deren Verein mit vielen Problemen zu kämpfen hat. „Nordstadt spezifische“, wie Anni Schmitz sagt. „Das soziale Umfeld in der Nordstadt ist sehr gesunken. Die Menschen haben nicht mehr so viel Geld.“ Viele langjährige Mitglieder seien zudem fortgezogen. Außerdem fehlten Parkmöglichkeiten in der Nähe der Sporthallen auf dem Ölberg und die Sauberkeit in den Turnhallen lasse auch immer mehr zu wünschen übrig.

So ist die Mitgliederzahl des ETB von ehemals 400 auf aktuell 250 gesunken. Nicht zuletzt deshalb, weil die Integration von Ausländer in einen deutschen Sportverein ein ganz schwieriges Unterfangen sei, so Anni Schmitz, deren Verein nicht nur Mitglieder, sondern auch Übungsleiter fehlen. „Mit einem engagierten Trainer steht und fällt alles. Aber die arbeiten lieber im Fitnessstudio. Da kann man mehr verdienen. Und ehrenamtlich macht ja heutzutage ohnehin niemand mehr etwas“, weiß Anni Schmitz.

So hat der ETB hat immer größere Probleme, sein Leistungsangebot aufrecht zu erhalten.

Nur noch vier Übungsleiter gewährleisten den kompletten Sportbetrieb.

So muss auch die 70-jährige weiterhin die Ärmel hoch krempeln und selbst mit anpacken. Seit nunmehr über 35 Jahre ist sie unermüdlich fast täglich in der Turnhalle. Turnt mit Kindern verschiedenster Nationen oder gibt Wirbelsäulengymnastik und Seniorenturnen.

Der Vergleich zur guten alten Zeit schmerzt Anni Schmitz. „Früher“, sagt sie, „früher hatte der Verein für die Menschen in der Nordstadt einen ganz anderen Stellenwert. Da ist man nach dem Sport noch irgendwo gemeinsam eingekehrt. Aber heute wollen die Menschen immer schnell nach hause. Gucken lieber Fernsehen oder spielen am Computer“, bedauert sie. Den richtigen Zusammenhalt gebe es leider nur noch bei den Senioren, die sogar gemeinsam ihre Geburtstage in der Sporthalle feiern.

Die anstehende Feier des 125-jährigen Jubiläums macht Anni Schmitz etwas Kopfzerbrechen. Denn so glanzvoll wie in alten Zeiten, als es rauschende Feste in der Stadthalle gab, wird die nicht ausfallen.

„Beim 100-Jährigen Jubiläum vor 25 Jahren gab es auch noch eine Festzeitschrift. dafür haben wir diesmal kein Geld. Das müssen wir für unsere Übungsleiter zusammen halten“, sagt die Vorsitzende, die fast jede freie Minute in Ihren ETB investiert: „Das ist ein Voll-time-Job, mein Mann schimpft oft mit mir“, gibt sie mit einem Lächeln zu, kann aber trotzdem darauf vertrauen, dass ihr Willi ihr den Rücken stärkt. „Sonst könnte ich das alles gar nicht machen.“

Doch Anni Schmitz denkt ans Aufhören. „Ich bin bald im Greisenalter. Irgendwann muss auch mal Schluss sein“, sagt die Frau, die einst als Schülerwartin beim ETB angefangen hat und nun schon seit drei Jahrzehnten die Geschicke des Nordstadtklubs leitet.

Weitere Informationen im Internet unter www.etb1881.de

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INFO:

1881: Gründung des ETB in einer Gaststätte an der Hochstraße

Beginn des Turnbetriebs mit gebraucht gekauften Geräten oder selbst zusammengezimmerten Provisorien in verschieden Kneipensälen.

 

1906: Preisturnen zum 25-jährigen Jubiläum mit 35 Vereinen. Das Vereinsbanner wird für 500 Reichsmark angeschafft.

Große Veranstaltungen des ETB im Thalia-Theater und in der Stadthalle

 

1913: Der ETB findet seine Heimat in der die städtischen Turnhalle Hügelstraße (jetzt Reiterstraße)

 

1914 bis 1945: Der 1. Weltkrieg kostet 37 aktiven Mitgliedern das Leben

 

ab 1919: Eine Jugend-Abteilung wird gegründet. Später die Fußballabteilung, die zeitweise zehn Mannschaften umfasst. Eine Handballabteilung folgt. Die 1. Mannschaft wird sogar Bezirksmeister.

 

1921: Matinee in der Stadthalle zum 40-jährigen Bestehen

Zu den gewagten Aufführungen schrieb eine Zeitung: „Sportwart spiele nicht mit dem Leben deiner Kameraden“.

 

Arbeitslosigkeit und Inflation setzen den Vereinsmitgliedern zu.

 

1931: ETB-Sportler werben zum 50-jährigen Jubiläum auf dem Neumarkt mit Gymnastik, Handstandgruppen und sonstigen Darbietungen.

 

1933: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten werden der ETB und andere Arbeiter-Sportvereine verboten. Das Vereinseigentum inklusive Geräte und Fahnen können die Mitglieder jedoch verstecken oder vergraben. Der ETB geht im neu gegründeten VfL Wuppertal auf.

 

1945: Die Turnhalle Reiterstraße hat den Krieg zwar überstanden, doch übergangsweise Heimat der Krankenkasse. Erste Übungsabende mit den vor den Nazis geretteten Geräten in der Turnhalle Höchsten.

 

1950: Austritt aus dem VfL und Selbständigmachung unter dem alten Namen ETB 1881

 

1951: 70-jähriges Jubiläum. Feier mit großem großen sportlichen Programm und mehr als 800 Menschen

 

1981: Bei der Feier des 100-jährigen Jubiläums in der Stadthalle auf dem Johannisberg werden etliche ETBer für ihre 60-jährige Mitgliedschaft geehrt.

 

2006: 125 Jahre Elberfelder Turnenbund  

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Seit 1976 leitet Anni Schmitz als 1. Vorsitzende die Geschicke des ETB.

 

Aktuelle Sportangebote:

Kinderfußball: montags

Volleyball: montags und mittwochs, abwechselnd in der Turnhalle Else-Lasker-Schüler-Str. und Reiterstraße